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Chips gegen Schall

Hilft moderne High-Tech-Schalldämmung gegen Lärm im Boot? Wir untersuchten die sogenannten MKC-Chips an Benzin- und Dieselmotoren.

Die gelben Punkte markieren die Montageorte der MKC-Chips. Neben den Einspritzleitungen sitzen sie noch am Getriebe, den Motorfüßen und dem Luftfilter.
Ein Hauptvorwurf, dem Motorbootfahrer meist machtlos gegenüberstehen, ist die Umwelt-Belästigung durch Motorlärm. Und das nicht ohne Grund, wie unsere jahrelangen Test-Schallmessungen belegen. Lärmpegel jenseits der 85-dB-Marke sind keine Seltenheit. Bei solchen Lautstärken am Arbeitsplatz muß man bereits Gehörschutz tragen.
Zwar bemühen sich Motorenhersteller und Werften, dieses Problem mit Schalldämm-Matten in den Griff zu bekommen, durchschlagende Erfolge blieben bisher allerdings aus.
Einen völlig neuen Weg der Schallreduzierung geht die kleine Firma Oellrich Engineering aus Wingst. Gerhard Oellrich vertreibt eine patentierte Lösung für Schall- und Schwingungsprobleme namens MKC-Technik. MKC bedeutet materialbeeinflussende Kondensator-Chips“, was der Funktion der neuen Schalldämm-Technik schon nahe kommt.
Die MKC-Schalldämmung besteht aus selbstklebenden Folienstreifen, sogenannten Kondensator-Chips. Sie sollen die Eigenschaften des Trägermaterials, also beispielsweise des Motors, so beeinflussen, daß es weniger schwingt und dadurch auch weniger Schallwellen aussendet. Genauer ausgedrückt, beinflussen die MKC-Chips das Elastizitätsmodul des Werkstoffes, auf dem sie kleben.
Die Folge sind weniger Vibrationen, Schwingungen und nicht zuletzt auch ein weicherer Motorlauf“, so der Hersteller.

Klebestreifen sorgen für simple Montage
Entscheidender Vorteil dieser Technik gegenüber konventionellen Schalldämmungen ist die simple Montage. Folienstreifen auf bestimmte Stellen im Motorraum kleben, fertig. Aufwendige Um- oder Anbauten an Motor, Boot oder Antrieb entfallen. Laut Hersteller lassen sich mit dieser Technik Schallreduzierungen bis zu 5 dB erreichen, was das menschliche Ohr immerhin als eine Schallminderung von rund 25 % wahrnimmt. Das hört sich alles ganz gut an, aber wie sieht es in der Praxis aus?
Um das herauszufinden, ließen wir von Gerhard Oellrich Chips an zwei verschiedenen Bootstypen mit Benzin- und Dieselmotoren montieren und notierten die Schallpegel vor und nach der Montage.
Das erste Testboot, eine 30-Fuß-Sealine, war mit zwei BMW-Sechzylinder-Dieselmotoren mit jeweils 180 PS ausgerüstet. Die im Fahrstand gemessenen Schallpegel lagen ohne MKC-Chip-Tuning zwischen 61 dB bei Hafenfahrt und 80 dB bei Vollgas (29 kn). Als besonders störend empfanden wir das durch Asynchronlauf der Motoren verursachte Wummern bei rund 1000/min.
Oellrichs Aufgabe sollte es nun sein, erstens das Wummern zu beseitigen und zweitens die Schallpegel der beiden BMW-Diesel so weit wie möglich zu senken. Dazu klebte er MKC-Chips an die Einspritzleitungen, die Luftfilter, die Hydraulikpumpe, den Turbolader sowie an den Spiegel.
Die ganze Prozedur dauerte etwa 45 Minuten, danach ging es auf die Teststrecke. Schon Hafenmanöver bei rund 500/min ergaben eine Schallreduzierung von etwa 1,4 dB auf nun 59,6 dB. Diese Reduzierung blieb bis etwa 1000/min konstant, sank bei weiterer Drehzahlerhöhung aber ab, so daß ab 2000/min kein positiver Chip-Effekt mehr zu messen war. Der Maximal-Schallpegel von 80 dB bei 3600/min blieb unverändert. Subjektiv, nur nach Gehör beurteilt, hatte sich ebenfalls nichts geändert. Das Motor-Wummern konnte in diesem ersten Anlauf nicht behoben werden.
Oellrich entschied sich für einen zweiten Versuch. Hierzu beklebte er zusätzlich noch Motorenfundamente und Längsstringer der Sealine mit Chips.
Im Gegensatz zum ersten Versuch stellten wir nun auch subjektiv einen positiven Effekt fest. Das Wummern der Motoren bei 1000/min war deutlich reduziert und auch meßtechnisch nachzuweisen. Die gemessene Schallpegelreduzierung lag bei dieser Drehzahl bei ansehnlichen 3 dB.
In den höheren Drehzahlen ließ die MKC-Wirkung jedoch erneut nach und war ab 2500/min weder meß- noch hörbar. Das MKC-Testergebnis an unseren Dieselmotoren lautet also: Schallreduzierung ja, aber nur bei niedrigen Drehzahlen bis etwa 1500/min.
Bei Marsch- und Höchstgeschwindigkeit ließen sich an unserem Testboot die Schallpegel nicht senken.
Beim zweiten Testboot, einem 5-m-Gleiter mit 115-PS-Benzin-Innenborder, lief die MKC-Montage analog zur Montage an den Dieselmotoren. Auch hier brachte Oellrich die MKC-Chips an Luftfilter, Ansaugkrümmer, Motorfundamenten und Spiegelplatte an. Vor der MKC-Montage lag der Schallpegel zwischen 71 dB (Hafenfahrt) und 89 dB (Vollgas).
Ähnlich wie bei der Sealine, waren auch beim Sportboot die meßbaren Schallreduzierungen stark drehzahlabhängig. Während wir in den unteren und mittleren Drehzahlen bis 3000/min hörbare Reduzierungen von 1,5 dB (1000/min) bis 2,7 dB (3000/min) messen konnten, blieb eine Wirkung in den oberen Drehzahl-en aus.
Obwohl Oellrich sich bessere Werte gewünscht hätte (an anderen Sportbooten erreichte er bis zu 5 dB), kann man doch sagen, daß die MKC-Schallreduzierung meßbare Erfolge in bestimmten Drehzahlbereichen bringt. Und das mit relativ geringem Aufwand.
Eine generelle Lösung des Lärmproblems auf Motorbooten sind sie jedoch nicht.

Torsten Moench

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